Gegen Antifußballer aus Bremen verspielt Borussia Dortmund nach der 88. Minute noch eine 2:0-Führung. Gruselig!
Aus dem Westfalenstadion berichtet Andreas Römer
Wer schon ein bisschen länger ins schönste Stadion der Welt pilgert, wird am Ende sogar noch froh gewesen sein. Schließlich kamen unschöne Erinnerungen an den August 2022 auf, als der BVB gegen Werder Bremen spielte und bis zur 89. Minute 2:0 führte und dann noch 3 Tore in sechs Minuten kassierte. Na bitte, man soll ja immer positiv denken: Diesmal schaffte Bremen in der gleichen Zeit nur zwei Tore.
Doch das wird keine schwarzgelben Fan wirklich trösten. Nach einem Mauerstück sondergleichen entführt Werder Bremen einen Punkt aus dem Westfalenstadion, den die Mannschaft nie und nimmer verdient hatte. Nun gut, alle wissen, dass 72 Prozent Ballbesitz kein zuverlässiger Indikator für einen Sieg ist. Noch immer muss das Rund ins Eckige, wenn man am Ende der Gewinner sein will.
Gruselspaziergang vorgezogen
Bremen wollte eigentlich nicht. Das Team stellte sich von Beginn an mit 11 Mann etwa 30 Meter vor dem eigenen Tor auf und machte die Räume eng, drängte die Gastgeber immer schön vom Strafraum weg. Eigentlich waren die Gäste von der Weser zu früh dran. Erst am 30. und 31. Oktober lädt der BVB zum „Gruselspaziergang durchs Stadion“. Manch einer wird den Freitagabend-Kick vor allem in der ersten Halbzeit als Vorgeschmack darauf verstehen.

Dem BVB fiel nicht viel ein, wie man den Werder-Abwehr-Riegel knacken könnte. Nach einer halben Stunde war lediglich ein Schüsschen von Sabitzer aus der ersten Minute – der auch noch weit am Tor vorbei ging – als Schuss aufs Tor zu bezeichnen. Gewühle allenthalben so zwischen 20 und 16 Metern vor dem Tor. Echte Chancen? Null! Die ersten Zuschauer fingen an zu murren.
Dickste Chance hat Werder
Was wohl los gewesen wäre, wenn Reis die einzige Bremer Chance nicht einen Meter neben das Tor gesetzt hätte? Doch dann gab es noch dolle fünf Minuten in Schwarzgelb und schon gab es keine Pfiffe zur Pause. Eingeleitet hatte es Sabitzer, der einen Freistoß nur ganz knapp am linken Toreck vorbei schoss. Er selbst versuchte dann noch mal ein Schüsschen, den Torhüter Hein vor keine Probleme stellte. Die hatte der Keeper dann schon eher mit dem endlich einmal frei gespielten Beier, doch dessen Schuss aufs lange Eck entschärfte er mit der Fußspitze.
Hätte klappen können – hat es aber nicht und so blieb es bei einem enttäuschenden 0:0 zur Pause.

Immerhin schien der Schlussakkord vor dem Seitenwechsel, dem Team von Trainer Kovacs die Richtung vorzugeben für den zweiten Durchgang. Noch druckvoller, endlich schneller in den Bewegungen und mit getauschten Seiten der Schienenspieler: Beier agierte jetzt links und Svensson rechts. Beider wirkten plötzlich wacher und energischer. Zudem suchte der BVB jetzt häufiger den Abschluss. Waren es in Halbzeit eins mit viel Wohlwollen stolze vier Schüsse in Richtung Werder Tor, so ging es jetzt schon flotter. Werder kam Minuten lang nicht aus dem eigenen Strafraum.
BVB nutzt seine Chancen nicht
Schlotterbeck, Nwaneri gleich dreimal und noch einmal Sabitzer sorgten dafür, dass sich Torhüter Hein mehrfach auszeichnen konnte. Und fast hätte er auch noch einen Scorerpunkt erhalten. Er war nicht nur der letzte Mann, der alles hielt, was zu halten war, er war auch der „Spielmacher“ der Hanseaten. Einfach immer wieder den Ball möglich lang nach vorn schlagen, der Füllkrug wird schon was draus machen. Hätte er in der 54. Minute tatsächlich fast, doch Kobel hat auch eine Fußspitze und lenkte den Ball zur Ecke.
Überhaupt Füllkrug. Er bezeichnetet sein Jahr beim BVB als das beste seiner Karriere. Und er war sehr motiviert, wenn man es positiv sehen will, ein bisschen drüber, werden andere sagen. Er ging robust gegen Anton, Gadou oder Schlotterbeck in die Zweikämpfe, rempelte, stieß und schubste. Ausgerechnet der 1,89 Meter große und 85 Kilo-Koloss fiel dann bei einem normalen Zweikampf im eigenen Strafraum und weil der Schiri das als Foul wertete, zählte der Treffer von Nwaneri nicht. Das brachte die Dortmunder Fans und auch Trainer Kovac in Rage. „Wer der vor einem steht ist gefühlt 1,90 mal 1,90 und der fällt bei ein solchen Berührung?“ Für Kovac war das ein normaler Zweikampf und er ist überzeugt, dass der Schiri zu früh gepfiffen habe.

Überhaupt Schiedsrichter Dingert. In guter Erinnerung wird er bei den BVB-Fans nicht bleiben. Alle fifty-fity-Situationen schien er den Bremer zuzugestehen. Gelbe Karten für das Unterbinden eines Konters gab’s auch erst in der 90. Minute. Immerhin hatte Dingert da schon einen lahmen Arm, da er bei fast jedem Bremer Einwurf oder Abstoß die Sekunden anzeigen musste. Noch ein Beispiel dafür, was das Ziel der Bremer war: Zeit schinden.
Konter im eigenen Stadion
Und wie recht sie damit hatten, zeigte sich in der 80. Minute. Bremen rückte einmal – eigentlich das erste Mal – auf und befand sich da, wo sie bislang so gut wie nie gewesen waren: in der Hälfte der Borussia. Die nutzte das aus, konterte im eigenen Stadion. Beier gewann den Ball gegen Weiser, Karetsas schlug einen langen Ball auf Guirassy, der einmal nicht im Klammergriff von Innenverteidiger Friedl war, diesem sogar davon laufen konnte. Seinen Pass in die Mitte verpasste Silva, veränderte aber noch einmal die Richtung des Balles, so dass der mitgelaufene Svensson im Fallen das Runde ins Eckige grätschte. 1:0 – wie eine Erlösung.
Dann dachten alle, der Schlotti macht den Deckel drauf. In der 85. Minute köpfte er eine Ecke von Veerman zum 2:0 ein. Doch dann kamen wieder die gruseligen Momente wie 2022. Schlotterbeck spielte völlig unbedrängt einen schlimmen Fehlpass in der eigenen Hälfte, Reis schnappte sich das Ding und versenkte es links unten. Als dann direkt im Anschluss sechs Minuten Nachspielzeit angekündigt wurden, fielen einigen Fans die letzten Minuten vor vier Jahren ein.
Kopfloser BVB in den Schlussminuten
Tatsächlich lief der BVB plötzlich hektisch über den Platz, verlor jede Linie. Veerman verursachte dann noch einen Freistoß 25 Meter vor dem eigenen Tor. Wie ausgerechnet Füllkrug bei der Hereingabe völlig frei am Elfmeterpunkt köpfen durfte, wird sicher noch beim BVB zu besprechen sein. 2:2 und noch waren vier Minuten zu spielen. Ecken auf beiden Seiten, aber es reichte.

Wir haben 88 Minuten das Spiel beherrscht und haben die letzten 8 Minuten nicht gut zu Ende gespeilt“, sagte Kovac nach dem Spiel. Er und die Mannschaft seien enttäuscht über zwei verlorene Punkte aber man werde seine Lehren aus diesen acht Minuten ziehen. Schon in 18 Tagen kann der BVB es gegen Bremen besser machen: Dann gastiert Werder im DFB-Pokal erneut im Westfalenstadion.
Insgesamt hat der BVB über lange Zeit den Ball gehabt und konnte damit oft nichts anfangen. Die massive Bremer Abwehr, die sich „diszipliniert und mit Fleiß und Arbeit“ (Trainer Thioune) wehrte, hätte sich fast das 0:0 ermauert. Dass der BVB dann zum wiederholten Mal in den letzten Jahren in der Schlussphase, in den Schlussminuten, einen sicher geglaubten Sieg durch die Finger gleiten lässt und Punkte verliert ist nach so einem Spiel eigentlich nicht zu begreifen.
Text: Andreas Römer, Bilder: Bahho Kara/Kirchner-Media
